In der Bar Reichenbach von
Athanasios Menexes gab es am 10. Juni Grund zu feiern. Seitdem besteht die
Livejazz-Reihe der jungen Münchner Saxofonistin Stephanie Lottermoser seit
einem Jahr. Was mit Einzelveranstaltungen anfing, hat sich inzwischen zu zwei
Live-Auftritten in der Woche, jeweils am Dienstag und Mittwoch, entwickelt.
Etwa 30 Musiker spielen in wechselnden Triobesetzungen, darunter Lottermoser
selbst und ihre Quartett-Kollegen Kevin Welch, Peter Cudek und Magnus Dauner.
Mittwoch, 11. Juni 2014
Montag, 26. Mai 2014
Ohren auf für Kim Myhr und Ingar Zach
Der Klang ist gut in dem Kellergewölbe mit der bogenförmigen
Decke. Genau richtig für den Perkussionisten Ingar Zach und den Gitarristen Kim
Myhr. Die beiden Norweger waren am vergangenen Freitag eigens nach München gereist, um im MUG im Einstein
das letzte Konzert der Improvisationsreihe „Offene Ohren“ vor der Sommerpause
zu spielen.
Zuerst zauberte Zach aus der enormen Pauke und einem
vielgestaltigen Sammelsurium kleinerer Klangkörper einen abwechslungsreichen
Verlauf von Klangwelten. Das mit ihm reisende Instrumentarium füllte einen ganzen
Tisch aus – und das war nur eine Auswahl. „Ich überlege immer genau, was ich
auf eine Reise mitnehmen soll“, sagte er. Seine drei Pauken bleiben auf
jeden Fall immer zu Hause, sonst würde es logistisch zu kompliziert. Hier hatte sich „Offene-Ohren“-Organisator
Hannes Schneider um ein Leihinstrument gekümmert. Zachs Auftritt begann mit
einem sonoren Katerschnurren. Es wechselte mit Tatzenschlägen und Krallenhieben
und wurde abgelöst von Sandstürmen, Blitzen und Donnergrollen. Metallische und
hölzerne Klangkörper unterschiedlicher Form und Größe wanderten auf die Pauke und
wieder herunter. Becken, Bogen, Paukenschlegel, elektronische Soundelemente und
Bläsertechniken erweiterten das Gefüge. Es klingelte und rasselte, rauschte und
knallte. Ein Pferd schnaubte, prustete, galoppierte drauflos.
Als Zachs Geräuschgewirbel verklungen war, entfalteten Kim
Myhr und seine 12-saitige Gitarre ein dichtes Klanggewebe, zu dem eine ganze
Herde Pferde durch die Steppe hätte galoppieren können. Vertikal nennt Myhr seine Art
zu spielen, mit wenig Variation im Sinne einer Melodielinie, dafür aber
möglichst vielen Klangschichten übereinander. Man würde tatsächlich nicht
vermuten, wie viel Sounddichte sich aus einer einzigen Gitarre herausspielen
lässt. Das Verstellen von Saiten während des Spielens brachte zusätzliche Ebenen hinein. Als Kontrapunkte erlaubte sich Myhr ab und an auch, intuitiv einige melodische
Verläufe aus den Saiten zu zupfen. „Ich möchte der Neigung
widerstehen, immer dasselbe zu machen“, sagte er dazu.
Zum Abschluss ließen Myhr und Zach die Klänge ihrer
Instrumente in einem Duo-Stück ineinander fließen. Ohne ein zweites als Zugabe
ließ das Publikum sie nicht von der Bühne. Es spricht alles dafür, dass die
beiden wieder hier zu Gast sein werden. Freunde der Improvisationsmusik können
sich zunächst einmal den August vormerken für den Start in die nächste „Offene
Ohren“-Saison.
Montag, 19. Mai 2014
20 Jahre „Jazz+“ in der Seidlvilla
Eine angenehme Lage, als Lieblingsband eingeladen zu werden. In der Hinsicht hatten das „Sebastian Gille Quartett“ und das Trio „Rusconi“ am vergangenen Samstag in der Seidlvilla gute Voraussetzungen. Für den zweiten Konzerttag zur Feier des 20-jährigen Jubiläums der monatlichen Reihe „Jazz +“ war die Wahl des Programmverantwortlichen Martin Kolb auf sie gefallen.
Am Freitag hatten bereits die „Lotus Eaters“
und „Schneeweiss und Rosenrot“ die Jazz-Bühne warmgespielt. Wie sie traten auch
Rusconi bereits zum wiederholten Mal in der Villa auf. Das Sebastian Gille
Quartett spielte erstmals auf dieser Bühne. Die beiden Ensembles brachten durch
ihre kontrastierenden Stile ganz unterschiedliche Facetten des jungen
mitteleuropäischen Jazz zur Geltung.
Saxofonist Sebastian Gille zeigte sich im
Zusammenspiel mit Pablo Held am Piano, Robert Landfermann am Bass und Jonas
Burgwinkel am Schlagzeug als „hard working jazzer“. So konnte man seinen
reflektierten, komplexen Kompositionen bei einem nahezu organischen
Entfaltungsprozess zuhören. Die vier Musiker gaben jedem einzelnen Ton
Bedeutung, insbesondere den feinen und leisen. Als wäre es ihnen ein Anliegen
zu zeigen, dass ein Saitenanschlag oder ein herbeigehauchter Saxofonton genauso
wichtig ist wie eine verschachtelte Passage oder ein quirliger Verlauf.
Im Anschluss setzten Rusconi als Kontrast
ihren melodieorientierten Pop-Rock-Jazz dagegen. Den präsentierten die drei,
als hätten sie die Stücke beim Brainstorming in der Stammkneipe oder beim
Schuleschwänzen in der Garage ausgetüftelt – das aber mit viel Fantasie und auf
musikalisch hohem Niveau. Da wurden Piano, Bass und Schlagzeug kurzerhand um diverse
Klänge ergänzt, von elektronischen Sounds über Gamelan-Klänge bis hin zur Bierflasche
und Gesangspassagen. Ein anspruchsvoller und abwechslungsreicher Start in die
dritte Dekade „Jazz +“.
Montag, 12. Mai 2014
A Cappella hoch fünf und Folk-Pop auf alt
Der Konzertabend begann A Cappella. Das Münchner
Vokalensemble M5ive brachte am Samstag seine ganze eigene Mischung aus Jazz,
Pop und Folk auf die Bühne des Spectaculum Mundi. Darunter die Stücke „Fragile“
von Sting und „Take Five“ von Paul Desmond. Die Arrangements stammen
überwiegend von Franz Müller (Tenor). Den M5ive kommt es abgesehen von der
gesanglichen Feinabstimmung auch auf den Spaß bei der Präsentation an. So kann
ein Quintett, das zu 2/5 aus Österreichern besteht, schon mal einige humorige
Dialekt-Elemente in einen Auftritt einbauen. Mit 1/5 aus Italien lässt sich
auch diese Landessprache effektvoll einbeziehen.
In der zweiten Konzerthälfte präsentierte das Trio neoschoen mit Drehleier, Gitarre, Akkordeon und Melodica Folk-Pop mit
Mittelalterelementen. Der Einsatz in diesem musikalischen Stil zeigte, was für
vielfältige Klänge sich aus einer Drehleier herausholen lassen. Mal waren es
fast e-gitarren-artige Sounds, mal Klänge mit Cello-Charakter und bisweilen leierte
das Instrument ganz seinem Namen entsprechend. Zum Abschluss des Abends
präsentierten die beiden Ensembles gemeinsam „Proud Mary“. Die Musiker gehören
zum überschaubaren Kreis der Bands, die das Jahr über im Spectaculum Mundi
schon mal die Bühne anwärmen für den Herbst, wenn hochkarätige Vokalensembles
zum 18. Mal Deutschlands größtem A Cappella Festival „Vokal Total“ ihre Stimmen
verleihen.
Sonntag, 4. Mai 2014
Welttag des Jazz mit „The Golden Striker Trio“
Am vergangenen Mittwoch, dem Welttag des Jazz, brummte der Night Club im Bayerischen Hof. Es kommt zwar ab und an vor, dass hier auch interessante Konzerte eher mäßig besucht sind. Aber Ron Carter mit dem „Golden Striker Trio“ – das zieht. Der US-Bassist ist so eine Art musikalisches Perpetuum Mobile. Er ist auf beachtlichen 2.000 Alben zu hören, davon 20 unter seiner Leitung aufgenommen. Eine Vielzahl von Stücken hat er selbst komponiert. Er lehrt an mehreren renommierten amerikanischen Hochschulen und hat sich mit seiner Musik auch mehrfach politisch engagiert, unter anderem gegen die Apartheid und die Verbreitung von AIDS.
Es verwundert daher nicht, dass er am Konzertabend den
„Night Club“ neckisch als „sein Wohnzimmer“ bezeichnete. Vom ersten Takt an klang
es, als stünden Carter und seine ebenfalls hochkarätigen Co-Musiker, Pianist
Donald Vega und Gitarrist Russell Malone, schon eine gute Stunde auf der Bühne.
Carter spielte wie ein Uhrwerk, dabei ein ausgesprochen einfallsreiches. Elegant
zeigte er, was für ein vielseitiges Melodieinstrument ein Kontrabass sein kann.
Da quietschten, flüsterten, sangen und wummerten die Saiten, bis ihr Ton wechselte,
abbrach oder bisweilen in den holzigsten Tiefen langsam ausklang. Carter gehen
offenbar einfach nie die Ideen aus. Wahrscheinlich könnte er auch mal eben eine
Stunde am Stück improvisieren.
Doch er spielte ebenso aussagekräftig „mit“, wenn sich
Pianist Donald Vega in schimmernden Melodien und markanten Akkorden über die Klaviatur
oder Gitarrist Russell Malone ebenso virtuos über die Saiten spielten. Der
Wechsel zwischen starkem solistischen Ausdruck und zurückhaltendem Trio-Spiel gelang
ihnen allen elegant. Eine besondere Stärke des Konzerts zeigte sich in den gut
gesetzten Kontrasten in Rhythmus, Klangfarbe und Stimmung. Die gespielten Stücke
reichten von neuen, zum Teil eigenen Kompositionen bis hin zu Standards. Ein
Schwerpunkt war das Programm der aktuellen CD „San Sebastian“, darunter „The
Golden Striker“ von John Lewis, nach dem sich das Trio benannt hat.
Durch feinsinniges Interpretieren und einfallsreiches
Improvisieren konnten die drei jedem Stück einen eigenen, neuen Klang und
Charakter geben. Mit dem von Ron Carter und Jim Hall komponierten „Candle Light“
zeigten sie ihr Potential für ohrschmeichelnde musikalische Sanftheit. In
schnelleren Stücken warteten sie bisweilen völlig willkürlich irgendwo mit humorigen
Überraschungseffekten auf. Da rannte Mallone schon mal von einem Takt auf den
nächsten seinen Co-Musikern auf der Gitarre davon, als wolle er spontan eine Jazzpolka
anstimmen, oder Carter baute in ein Solo das bekannte Thema aus „La Cucaracha“
ein. Ein Konzert, das man in mehrfacher Hinsicht reich nennen kann - an
Abwechslung, an musikalischer Qualität und an Unterhaltungswert.
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