Dienstag, 14. Januar 2014

Kleine Leseprobe aus dem Frauenroman "Querflüge"



Leseprobe, Kapitel 1:

(…)

Kaffeesatz taugte doch angeblich, um in die Zukunft zu sehen. Das würde gerade gut passen. Nur gab’s bei den modernen Zubereitungen schon lang keinen Kaffeesatz mehr. Aber es sollte doch eigentlich mit Kaffee auch gehen. Nora sah sich die dunkel glänzende Flüssigkeit an. Konnte sie in diesen Lichtspielen etwas über ihre Bestimmung erfahren? Müsste sie dazu nur eine bestimmte Kodierung kennen? Gab’s sowas in Mannheim, eine Kaffee-Zukunfts-Leserinnen-Ausbildung?
Vielleicht stand da gerade: „Dir steht Großes bevor“, oder noch besser: „Dir steht Großartiges bevor.“  Aber womöglich hieß es auch: „Sieht nicht gut aus für dich“, oder einfach: „Armes Schwein.“ Oder die Lichtpunkte sagten nichts. Nora stellte die Tasse wieder auf den Tisch. Es wäre so viel schöner, aus Lichtpunkten das Schicksal zu lesen als aus klebrigem Kaffeesatz. Die Zukunft, das große Unbekannte, oder vielleicht auch das große Bekannte. Mit einemmal hatte Nora Kopfschmerzen. Sie hatte sich wohl einmal mehr zu viele Gedanken gemacht. Sie sah sich im Lokal um.
Beim Eingang saß ein magerer weißhaariger Mann, vor der Nase eine aufgeschlagene Zeitung, auf dem Tisch eine Ansammlung von Espressotassen. Zwei Tische weiter diskutierten zwei Mittvierzigerinnen gerade irgendetwas Hochemotionales. Die Kellnerin, sportlich und brünett, schwirrte abwechselnd mit einem Jungen um die Zwanzig zwischen Kaffeemaschinen, Tresen und Tischen herum.
Ab und an huschten die beiden aneinander vorbei, lächelten, zwinkerten. Unwillkürlich fragte Nora sich, ob sie was miteinander hatten. Aber warum dachte sie über so etwas nach? Das war doch egal, und es ging sie auch gar nichts an. Gab es womöglich einen Grund, sich Gedanken über ihr eigenes Liebesleben zu machen? Welches Liebensleben überhaupt? Da war wohl schon der Grund. Schon wieder zu viele Gedanken. Seufzend ließ Nora ihren Blick zur anderen Seite des Lokals schweifen.
An einem der innenliegenden Tische hingen zwei Marketingspezialisten Ende Dreißig über ihren Notebooks. Bestimmt waren es die neuesten Geräte auf dem Markt, mit allem Firlefanz. Hektisch trippelten die Männer auf ihre Tastaturen. Wenn sie redeten, bestand das meiste davon in weitgehend unverständlichen Anglizismen oder Abkürzungen.
Am Tisch gleich neben Nora saßen eine Frau und ein Mann. Sie schienen seltsam alters- und trostlos in ihre Stühle gesunken, die Kaffeetassen fest umklammert. Es gab zwar nichts Graues an ihnen, doch sie wirkten trotzdem, als läge ein grauer Ascheschleier über ihnen. Nora schielte auf ihre Fußgelenke. Fast rechnete sie schon damit, dort eine ganz feine, graue Kette zu sehen, denn das war das Einzige, das in diesem eigenartigen Bild noch fehlte. Nora drehte ihr eigenes Fußgelenk. Waren da wohl alle Gefäße noch gut durchblutet, oder waren die etwa auch schon am Absterben?
Durch die weite Glasscheibe schaute Nora auf die Straße hinaus. Im Sonnenschein eilten Menschen aus Mannheim und Umgebung vorbei. Ab und an schwang einer die Glastür auf und sich selbst ins Café herein, um sich am Tresen von der Kellnerin einen Kaffee zum Mitnehmen in die Hand drücken zu lassen, der wahrscheinlich den Rest des Arbeitstages etwas erträglicher machen sollte. Nora trank einen großen Schluck ihrer eigenen Portion Schmerzmittel. Als sie sich gerade auf den Rückweg in die Agentur machen wollte, öffnete sich die Glastür erneut. Herein wetzte etwas offenbar energiegeladenes, großes Vierbeiniges.
Gute Güte, was war das denn, ein Kalb? Es zerrte an einer Leine einen Mann hinter sich her. Die Kräfte waren wohl ungleich verteilt, denn das vierbeinige Etwas stürmte unversehens auf Noras Tisch zu.
Aus der Nähe sah es schon mehr nach einer Dogge aus. Wer züchtete denn solche Hunde? Oh nein, der wollte sie doch wohl nicht beißen? Nora hatte überhaupt keine Lust, unter der Schlagzeile „Hund zerfleischt Frau in Café“ in der Regionalzeitung zu stehen. Vor Schreck streckte sie abwehrend beide Hände von sich. Mit der fahrigen Bewegung schubste sie ihre Tasse vom Tisch, die klirrend auf dem Boden zerschellte. Schon war der Hund dabei, den ausgelaufenen Rest ihres Kaffees zu schlabbern. Der Mann zerrte ihn schimpfend von den Scherben weg und hielt ihn am Halsband fest. Der Hund schnaubte, was wohl so etwas hieß wie „Spielverderber“. Nora atmete tief durch. Bestimmt ging ihr Puls doppelt so schnell wie sonst. Der Hund glubschte ihr ruhig entgegen. Jetzt sah auch der Mann sie an.
„Alles in Ordnung?“, fragte er.

(…)

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